Ja, ChatGPT kann korrekturlesen – und tut es bei Rechtschreibung, Zeichensetzung und Grammatik zuverlässiger als jede Rechtschreibprüfung in einem Textprogramm, weil es den Satzzusammenhang mitliest. „das“ oder „dass“, ein fehlender Genitiv, ein Komma vor dem erweiterten Infinitiv: Das findet ein Sprachmodell. Dasselbe gilt für Claude, Gemini und Microsoft Copilot.
Das Problem ist nicht die Trefferquote, sondern der Übergriff. Auf die Bitte „korrigiere diesen Text“ bekommen Sie in aller Regel einen **umgeschriebenen** Text zurück: geglättete Sätze, ausgetauschte Wörter, ein anderer Ton – vermischt mit den eigentlichen Korrekturen und ohne Kennzeichnung, was warum geändert wurde. Bei einer E-Mail ist das lästig. Bei einem Angebot, einem Vertragsentwurf oder einem Text, den jemand anderes freigegeben hat, ist es ein Problem.
Der Unterschied, der den Prompt brauchbar macht, ist der zwischen **Korrektorat** und **Lektorat**. Korrektorat heißt: Rechtschreibung, Grammatik, Zeichensetzung – sonst nichts. Lektorat heißt: Aufbau, Verständlichkeit, Ton. Beides ist sinnvoll, aber in getrennten Durchgängen. Und lassen Sie sich die Änderungen als Liste ausgeben statt als fertigen Text: Was Sie nicht sehen, können Sie nicht prüfen.
Korrigiere den folgenden Text ausschließlich orthografisch: Rechtschreibung, Grammatik, Zeichensetzung, Groß- und Kleinschreibung. Regeln: – Formulierungen, Wortwahl, Satzbau und Ton bleiben unverändert, auch wenn dir etwas besser gefiele. – Gib das Ergebnis als Liste aus, eine Zeile je Fund: Original → Korrektur (Regel). – Zahlen, Namen, Daten und Beträge werden nicht angefasst. – Wenn eine Stelle nicht eindeutig falsch, sondern Geschmackssache ist, markiere sie als „optional“ statt sie zu korrigieren. – Am Ende: der vollständige korrigierte Text. Text: Sehr geehrte Frau Baumann, vielen dank für Ihre Anfrage vom 12. August. Wie besprochen sende ich ihnen anbei unser Angebot. Wir gehen davon aus das die Arbeiten in der KW 38 beginnen können. Aufgrund des hohen Auftragsvolumen bitten wir um eine kurzfristige Rückmeldung. Bei fragen stehe ich ihnen gerne zur verfügung.
Gefundene Fehler (6): 1. „vielen dank“ → „Vielen Dank“ (Substantiv, zugleich Satzanfang) 2. „sende ich ihnen“ → „sende ich Ihnen“ (Anredepronomen großgeschrieben) 3. „davon aus das die Arbeiten“ → „davon aus, dass die Arbeiten“ (Konjunktion „dass“; Komma vor dem Nebensatz) 4. „des hohen Auftragsvolumen“ → „des hohen Auftragsvolumens“ (Genitiv Singular) 5. „Bei fragen“ → „Bei Fragen“ (Substantiv großgeschrieben) 6. „zur verfügung“ → „zur Verfügung“ (Substantiv in fester Wendung) Optional (nicht korrigiert): „kurzfristige Rückmeldung“ – üblich, aber unbestimmt; eine Frist wäre eindeutiger. Korrigierter Text: Sehr geehrte Frau Baumann, vielen Dank für Ihre Anfrage vom 12. August. Wie besprochen sende ich Ihnen anbei unser Angebot. Wir gehen davon aus, dass die Arbeiten in der KW 38 beginnen können. Aufgrund des hohen Auftragsvolumens bitten wir um eine kurzfristige Rückmeldung. Bei Fragen stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.
Der zweite Durchgang, wenn die Orthografie steht: Verständlichkeit, Länge, Aufbau. Bewusst getrennt – wer beides in einem Prompt verlangt, bekommt beides vermischt und kann nichts davon prüfen.
Der folgende Text ist orthografisch bereits korrigiert. Beurteile jetzt nur die Verständlichkeit für [Zielgruppe]. Gib mir: 1. Die drei Sätze, die beim Lesen am meisten stocken lassen – mit je einem Vorschlag. 2. Passagen, die man missverstehen kann, mit der Fehldeutung, die möglich ist. 3. Was gestrichen werden kann, ohne dass Information verloren geht. Schreibe den Text NICHT neu. Ich entscheide, was ich übernehme. Text: [Text einfügen]
Ab etwa zwei Seiten sinkt die Trefferquote sichtbar, und zwar von hinten: Die letzten Absätze werden als fehlerfrei gemeldet, obwohl sie es nicht sind. Abschnittsweise arbeiten ist kein Umstand, sondern die Voraussetzung dafür, dass das Ergebnis etwas taugt.
Ich schicke dir einen längeren Text in mehreren Teilen. Behandle jeden Teil einzeln und vollständig. Für jeden Teil: – Nur Rechtschreibung, Grammatik, Zeichensetzung. – Ausgabe als Liste, eine Zeile je Fund: Original → Korrektur (Regel). – Findest du in einem Abschnitt keinen Fehler, schreibe ausdrücklich „keine Fehler gefunden“ – nicht einfach weniger Zeilen ausgeben. Warte nach jedem Teil auf den nächsten. Hier ist Teil 1 von [n]: [Abschnitt einfügen]
Für Texte, die Sie nicht selbst ändern dürfen – Freigaben, Zitate, fremde Beiträge. Sie bekommen eine Fehlerliste zum Weitergeben statt eine korrigierte Fassung.
Prüfe den folgenden Text auf Fehler und ändere ihn NICHT. Gib ausschließlich eine Liste aus, je Eintrag: – die betroffene Textstelle wörtlich zitiert – worum es sich handelt: Rechtschreibung / Grammatik / Zeichensetzung / Uneinheitlichkeit – wie sicher du dir bist: sicher / unsicher Uneinheitlichkeiten (Schreibweise von Namen, Datumsformate, Abkürzungen) bitte ausdrücklich mit aufführen. Text: [Text einfügen]
Text und Original nebeneinanderlegen und die Länge vergleichen. Wenn Sätze verschwunden oder zusammengezogen sind, war es ein Lektorat. Deshalb verlangt der Prompt eine Zeile je Änderung: Was in keiner Zeile steht, hätte nicht geändert werden dürfen.
Bauen Sie in den letzten Absatz probeweise einen offensichtlichen Fehler ein („das“ statt „dass“). Wird er nicht gemeldet, war der Text zu lang – dann abschnittsweise arbeiten.
Jede Korrektur an einem Namen, einem Produkt oder einem Fachwort ist zunächst falsch, bis Sie das Gegenteil wissen. Nennen Sie die Sprachvariante im Prompt („Schweizer Rechtschreibung, kein ß“) und führen Sie eine kurze Ausnahmeliste mit Ihren Eigennamen mit.
Zahlen, Daten, Beträge und Eigennamen zum Schluss gegen das Original prüfen – bei Angeboten und Rechnungen ausnahmslos. Das ist die eine Prüfung, die sich nicht delegieren lässt.
Das ist normal – Sprachmodelle antworten nicht deterministisch. Bei Texten, auf die es ankommt, deshalb zwei Durchgänge machen und die Listen zusammenführen. Wo sich die Durchgänge widersprechen, entscheidet ein Wörterbuch, nicht das Modell.
Ja. Rechtschreibung, Grammatik und Zeichensetzung findet ChatGPT zuverlässig und im Satzzusammenhang – also auch „das“ gegen „dass“ oder einen falschen Genitiv, an denen eine klassische Rechtschreibprüfung vorbeigeht. Zwei Einschränkungen: Ohne ausdrückliches Verbot schreibt es den Text zugleich um, und bei mehr als zwei Seiten sinkt die Trefferquote gegen Ende. Beides lässt sich über den Prompt lösen – die Fassungen dafür stehen oben.
Für interne Texte, E-Mails und Entwürfe in aller Regel ja. Für alles, was gedruckt wird oder rechtlich bindet, nicht: Ein Korrektorat haftet für das Ergebnis und liest den Text als Ganzes, ein Sprachmodell tut weder das eine noch das andere. Der sinnvolle Einsatz ist die Vorstufe – die KI räumt auf, damit die teure Stunde nicht für Kommafehler draufgeht.
Das entscheidet Ihre Prüfungsordnung, nicht die Technik. Viele Hochschulen erlauben orthografische Korrektur ausdrücklich, verlangen aber eine Angabe in der Eigenständigkeitserklärung – und ziehen die Grenze dort, wo aus Korrektur eine inhaltliche oder stilistische Überarbeitung wird. Genau diese Grenze verwischt der Ein-Satz-Prompt. Wenn Sie ihn einsetzen, dann in der Fassung „Nur prüfen, nichts ändern“: Sie bekommen eine Fehlerliste und übernehmen jede Änderung selbst. Fragen Sie im Zweifel vorher beim Prüfungsamt nach.
Alles mit Personendaten, Vertragsentwürfe, Preiskalkulationen und Unterlagen, die einer Verschwiegenheitspflicht unterliegen – jedenfalls dann, wenn Ihr Unternehmen den Dienst dafür nicht freigegeben hat. Kostenlose Zugänge verarbeiten Eingaben je nach Anbieter zu Trainingszwecken. Was in Ihrem Haus gilt, gehört in eine Nutzungsregel; eine Vorlage dafür steht unter /vorlagen/ki-nutzungsrichtlinie.
Der Unterschied zwischen ChatGPT, Claude, Gemini und Microsoft Copilot fällt bei dieser Aufgabe kaum ins Gewicht; der Prompt macht mehr aus als die Wahl des Modells. Entscheidend ist die Freigabe im Unternehmen – und bei sensiblen Texten die Frage, ob der Dienst die Eingaben zu Trainingszwecken verwendet.